Walter Waier wuchs im bayrischen Altmühltal auf. Als kleiner Junge verbrachte er seine Zeit am liebsten am Wasser der Sulz beim Angeln. Der Bau des politisch umstrittenen Main-Donau Kanals von 1960 bis 1992 und die damit verbundene Zerstörung seines Paradieses ist eine der schmerzlichsten Erinnerungen an seine Kinder- und Jugendzeit.
Ich bin wasserscheu, denn ich wurde am Wasser geboren. Ich lebe am Wasser. Die Betonung liegt auf „am“. Ich meine damit den Bereich, der für uns Landlebewesen ungefährlich ist. Diese Grenze, die wir vor Jahrmillionen als Frösche erobert haben und als Menschen vor noch nicht allzu langer Zeit als Nahrungs- und Transportweg nutzten. Diesen schmalen Streifen, von dem aus wir immer diese merkwürdige Sache im Blick haben, die fälschlicherweise als Element bezeichnet wird, welche die Wissenschaft eine Verbindung nennt, die aus einem Sauerstoff-Atom besteht an dem zwei Wasserstoff-Atome hängen. An der die Physiker solange rumfummelten, bis sie 1781 endlich explodierte.
Diese Sache jedenfalls, dieses Element, dieses Wasser ist nicht zu greifen, weil es doch anders ist, als alles, was uns sonst so umgibt. Ohne Form und doch nicht ganz. Für mich aber ist das Eindringen in diesen merkwürdigen Stoff, wie das Entweihen des Allerheiligsten. Ein Höhlenforscher mag mich da verstehen.
Wenn Sie jetzt glauben ich könnte nicht Schwimmen und erfinde nur eine Geschichte um mich „herauszureden“, dann irren Sie sich. Ich kann schwimmen! Aber das ,,im Wasser ‘’ sein ist für mich mit einem unbehaglichen Gefühl verbunden. Ich bin auch nicht wirklich wasserscheu; ich dusche und bade, putze mir die Zähne, täglich – mit Wasser – gefiltert, gereinigt, gechlort – klinisch tot.
Meine Leidenschaft gehört dem Grenzbereich, dem Ufer, dem Strand, der nach Schlamm, Algen, wilder Minze, Kamille und Sauerampfer riecht. In dem sich das Schilf sommerwärts sägend reibt, in der Winterkälte leise und verloren raschelt. Die Libellen surren, die Frösche quaken, die Rohrammer singt. Von hier aus kann ich in diese Verbindung eindringen – mit meinem Blick, beobachten, erspüren. Am besten in einem Winkel von dreißig Grad – optimale Sichtverhältnisse, um eine Schwanzflosse zu entdecken. Den Wasserwirbeln unten am Grund folgen. Dem Wesenhaften des Flusses nachspüren, seine Struktur erahnen. Dem scheinbar Chaotischen eine Ordnung geben. Meinen Blick hinabtreiben lassen, bis er sich irgendwo an einer Flussbiegung oder Krümmung verliert.
Ich kann es auch anders formulieren. Ich brauche diesen Gefühlskitt, den Werbemacher bemühen, wenn Reinheit, Stille, Erholung und Meditation angesagt sind.
Brücken ohne Wasser sind für mich das Langweiligste was es gibt. Sie glauben ich übertreibe? Nein, ich übertreibe nicht! Sobald ich meine Nase langsam über das Geländer stecke, in der fiebrigen Erwartung, eine Forelle im Strömungsschatten eines Steines zu entdecken, einem stillen Fluss oder Bach mitten ins Herz blicken zu können; wenn sich dann aber herausstellt, dass nur eine tote Straße da unten liegt, Autos unter der Brücke hinwegrasen, kalte Schienen zu einem von Menschen bestimmten Ort führen, ist die Enttäuschung riesengroß.
Umso grauer die Stadt, umso farbloser die Häuser, umso mehr Wasser ist in mir. Warum ich das erzähle? Mir wurde dieser Ort genommen. Tausendmal habe ich sie dafür gemordet.